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der Mainpost: 01.05.2008 17:45 Uhr
„Ich habe mir immer
gesagt: Das schaffst du“
Main-Spessarts
Landrat Armin Grein geht in den Ruhestand
Aus
Neid wurde gesunde Konkurrenz der Ex-Kreisstädte
Wer 24 Jahre lang das Amt
des Landrats ausgeübt hat, so wie Armin Grein (69), der hat
einen reichen Schatz an Erfahrung angesammelt. Am Ende seiner
Amtszeit verrät er, was das Amt für ihn bedeutete und
wie er der Politik im Landkreis Main-Spessart seine Richtung gab.
Frage: 24 Jahre
Landrat, das bedeutet Ansehen, Macht, aber auch Verzicht. Bereuen
Sie, dass Ihnen dadurch manches entgangen ist? Oder überwiegt
das Gefühl der Erfüllung so sehr, dass die Entbehrungen
keine Rolle spielten?
Armin Grein: Ich war gerne
Landrat und bin in diesem Beruf aufgegangen. Es beanspruchte
natürlich manchmal zeitlich so, dass man gerne mehr Zeit
gehabt hätte für die Hobbys oder die Familie. Aber
letztendlich hat mich der Beruf ausgefüllt und erfüllt.
Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Landrat eine der
interessantesten und umfassendsten kommunalpolitischen Positionen
ist, die es gibt. Man kann da viel für seine Heimat bewegen.
Welche Hobbys waren
das?
Grein: Laufen und Tennis.
Ich bin oft morgens gejoggt, weil ich nicht wusste, wann ich
abends nach Hause komme. Fürs Tennis hatte ich immer den
Mittwoch von 18 bis 20 Uhr freigehalten. Aber das war schwer
durchzusetzen, wenn ich etwa nach München, Berlin oder
Würzburg musste. Ich habe immer versucht, den Sport auch
meiner Gesundheit wegen zu pflegen. Anderes, wie das
Klavierspielen oder Lesen, ist immer mehr in den Hintergrund
getreten.
Und wie hat die Familie
Ihr Amt verkraftet?
Grein: Der Sohn war bei
meiner Wahl zum Landrat schon 18, die Töchter zehn und acht
und damit noch nicht ganz flügge. Die eigentliche Erziehung
der Kinder musste mehr meine Frau übernehmen, und das hat sie
gut gemacht.
Als Sie das Amt
antraten, war Main-Spessart noch stark von den vier Altlandkreisen
geprägt. Ist davon noch etwas zu spüren oder sind die
Wunden verheilt?
Grein: Die Wunden sind
noch nicht verheilt, aber die Kirchtürme sind niedriger
geworden. Die waren zum Zeitpunkt meines Amtsantritts noch
wesentlich höher. Ich habe versucht, wenn ich beispielsweise
in Lohr die Spessarttorhalle habe bauen lassen, auch Karlstadt
etwas dafür zu geben – damit keine Konkurrenz entsteht.
Immer noch sind die Lohrer ganz vorne dran, wenn heute ein Lohrer
Thema zur Sprache kommt, umgekehrt bei einem Karlstadter Thema die
Karlstadter. Bei der Umgehung MSP 11 von Karlburg etwa waren alle
Karlstadter dafür. Die anderen dagegen hatten nachgefragt, ob
es sich wohl um eine Erschließungsstraße des
Karlburger Gewerbegebiets handelt. Ich habe immer darauf geachtet,
dass ich keinen Bereich bevorzuge, und versucht zu integrieren.
Ist Karlstadt im
Nachhinein der richtige Ort als Kreisstadt?
Grein: Sagen wir einmal
so: Karlstadt war die Stadt, die den Kreissitz brauchte – im
Gegensatz zu Lohr. Lohr kommt auch ohne Not ohne Kreissitz aus.
Dort sind Industrie und das Bezirkskrankenhaus und andere zentrale
Einrichtungen. Marktheidenfeld hat die so genannte Dislozierung
verkraftet: Die haben ja weder das Finanzamt noch das Gericht,
aber Marktheidenfeld hat trotzdem wirtschaftlich einen großen
Aufschwung genommen.
Fühlen Sie sich
als Marktheidenfelder, Karlstadter oder Main-Spessarter?
Grein: Ich habe
festgestellt, dass ich die letzten 24 Jahre mehr Zeit in Karlstadt
verbracht habe als in Marktheidenfeld, wo ich allerdings meistens
übernachtet habe.
Eine gute
Verbindungsstraße zwischen Karlstadt und Marktheidenfeld
fehlt nach wir vor. Weshalb haben Sie sich nicht intensiver dafür
eingesetzt?
Grein: Das war schon mein
Ziel. Ich habe diese Straße planen lassen, der Plan ist
fertig, aber ich habe mich ein bisschen geziert . . .
. . . Sie wollten sich
wohl nicht nachsagen lassen, dass Sie diese Straße nur für
sich selbst bauen...
Grein: . . . ja, ich habe
das nicht mit der Vehemenz verfolgt, weil sicherlich einige Leute
gesagt hätten: „Jetzt baut der sich auch noch eine
Straße, damit er schneller von seinem Wohnort zum
Arbeitsplatz kommt.“ Ich habe mit den Gemeinden Urspringen
und Karbach geredet und ihnen gesagt: Baut diese Straße als
Gemeindeverbindungsstraße, wir geben als Landkreis auch
einen namhaften Zuschuss. Doch beide Gemeinden sagten: Wir haben
momentan wichtigere Aufgaben. Zum Schluss war Urspringen so weit,
dass es bereit gewesen wäre, das Stück mit zu
übernehmen, Karbach war aber immer noch zurückhaltend.
Also kann Ihr
Nachfolger diesen Plan ungeschoren aus der Schublade ziehen.
Grein: Der kann das dann
ohne Bedenken umsetzen.
„Eine Autobahn bei
Würzburg wäre schon die bessere Variante gewesen“
Armin Grein über
seinen Meinungswechsel zur B 26 n
Bleiben wir beim Thema
Straßen und kommen wir zur B 26 n. Von Ihnen stammt das Wort
„Nur über meine Leiche“. Warum hat sich das
geändert?
Grein: Ich bin heute noch
der Meinung, dass die ursprüngliche Planung mit der Autobahn
eng an Würzburg die richtige Variante gewesen wäre. Doch
haben die Abgeordneten beider großen Parteien das fallen
lassen. Und jetzt ist es nicht mehr möglich, diese alte
Trasse auszubauen, weil dort Wohn- und Gewerbegebiete entstanden
sind. So habe ich darüber nachgedacht und sage: Wenn diese
Straße bei uns nicht zu viel zerstört und wenn
tatsächlich unsere Städte und Gemeinden an dieser Straße
hängen, wie das bei Karlstadt oder Lohr der Fall ist, sollte
man zustimmen – auch wenn die ideale Linie jetzt damit nicht
gefunden ist.
Es ist besser für
unsere Städte und Gemeinden, wenn sie auch einen schnelleren
Anschluss an die überregionalen Verkehrsachsen haben –
wobei ich größten Wert darauf lege, dass auch der
Anschluss mit ausgebaut wird. Ich bin kein feuriger Vertreter der
B 26 n, aber sie kann die Ortsdurchfahrten im Werntal vom Verkehr
entlasten.
War es richtig, die
drei Krankenhäuser aufzurüsten, oder hätte man auf
ein Gesundheitszentrum setzen sollen?
Grein: Die drei Standorte
sind sicherlich teurer als ein Standort. Dafür käme nur
ein Krankenhaus auf der grünen Wiese in Frage. Es wäre
auch denkbar gewesen, dass man beispielsweise in das Areal des
Bezirkskrankenhauses in Lohr mit hineingegangen wäre. Aber
als ich das Krankenhaus Gemünden geschlossen habe, habe ich
erstmals festgestellt, dass die Krankenhäuser für die
einzelnen Bereiche sehr wichtig sind. Das war ein großer
Terror damals.
Es war richtig, dass wir
die Krankenhäuser aufgerüstet haben, wiewohl wir nicht
wussten, dass uns die Gesundheitsreform so übel mitspielen
würde. Wir haben mit dem neuen Konzept des Klinikums
Main-Spessart versucht, intakte Standorte zu haben. Wir haben
Schwerpunkte: in Karlstadt die Frauenklinik, aber auch die Innere
und Chirurgie und in Marktheidenfeld die Altersmedizin. Ich
glaube, dass wir auch in der Zukunft bestehen können, auch
wenn wir tarifmäßig gewaltig eingebunden sind und
Zusatzversorgung gewähren müssen.
Sie sprachen gerade die
grüne Wiese an. Die war ja auch Thema beim
Berufsschulstandort. Wäre eine zentrale Berufsschule besser
gewese?
Grein: Das glaube ich
nicht. Da nun die Kompetenzzentren entstanden sind, wären wir
dazu gezwungen gewesen, alle Berufsschulstandorte aufzugeben und
einen Standort auf die grüne Wiese, etwa nach Wiesenfeld, zu
stellen. Ich habe ja eine ausgetüftelte Konstruktion
vorgelegt. Die eine Hälfte der Berufsschule hätte dann
auf der Gemarkung Lohr gestanden, die andere auf der von
Karlstadt, so dass also beide Städte eine Berufsschule gehabt
hätten. Wir haben dann aber die Berufsschulen so ausgebaut,
dass der Schwerpunkt industrielle und IHK-Ausbildung mehr in Lohr
liegt, der handwerkliche ist mehr in Karlstadt, und
Marktheidenfeld haben wir aufgegeben. Unsere Kompetenzzentren
stellen über den Landkreis hinaus Konzentrationen dar.
Bei den
Kreistagssitzungen habe ich oft erlebt, dass Sie gesagt haben:
„Ihr Kreisräte habt das so entschieden.“ Waren
Sie da nur der Moderator, während die anderen bestimmten? Wie
viel Macht hat denn ein Landrat überhaupt?
Grein: Den Kreistag müssen
Sie wie jedes Gremium führen. Und Führungsqualitäten
zeigt einer, der selbst einen Vorschlag bringt. Ich bin nie in
eine Sitzung gegangen, ohne vorher zu sagen, was meine Meinung
ist. Dann ist diese oft angenommen worden. Manchmal wurde auch
diskutiert und der Vorschlag abgeändert. Dann habe ich nicht
stur auf meiner Zielrichtung beharrt. Sondern es hat sich im
Nachhinein gezeigt, dass es manchmal sogar gut war, dass die
Kreisräte ihre eigenen Gedanken eingebracht haben und wir
Beschlussvorschläge abgeändert haben. Das hat den
Kreisräten auch gut getan. Wenn ich anschließend Kritik
aus dem Kreistag gehört habe, dann musste ich ja sagen: Ihr
habt so entschieden, kritisiert Euch selbst.
Als Landrat standen Sie
auch der staatlichen unteren Verwaltungsbehörde vor, mussten
Gesetze umsetzen. Doch es kamen sicher auch Bürger zu Ihnen
mit Problemen, die teilweise diesen Gesetzen zuwiderliefen –
in der Hoffnung, Sie als Landrat könnten da etwas drehen?
Grein: Ja, ein- bis
zweimal die Woche. Aber die mussten sich anmelden und sagen, was
sie wollen. Dann konnte ich mich darauf vorbereiten. Wenn es
Ermessenssache war, habe ich den Bürgern geholfen. Wenn es
nicht ging, habe ich ihnen das auch gesagt. Trotzdem waren viele
froh, dass ich sie angehört hatte – auch wenn ich ihnen
zum Beispiel den Führerschein nicht wieder geben konnte.
„Die Konkurrenz
unter den Städten ist gut“
Grein zur
wirtschaftlichen Situation im Landkreis
Wie geht es weiter im
Landkreis?
Grein: Der Landkreis ist
gut aufgestellt, wir sind von 2,9 auf 2,7 Prozent in der
Arbeitslosenquote herunter. Viel weiter kann es wohl nicht mehr
gehen.
Vielleicht ist dies
Struktur ganz gut mit diesen mehreren kleinen Städten.
Grein: Ja, das hat auch
sein Gutes. Die Konkurrenz untereinander bringt uns davon ab, dass
jemand in Dauerschlaf fällt. Das wäre fatal.
Aber ich sehe ein Problem
für die Zukunft in der demografischen Entwicklung. Wir sind
keine Wachstumsregion. Es ziehen immer noch viele weg in Zentren.
Das Problem ist, dass dies meist gut ausgebildete Fachleute sind.
Deshalb habe ich immer auf ein gutes Verhältnis zwischen
Schulen und Wirtschaft gedrungen, damit unsere Absolventen bei uns
einen Arbeitsplatz finden können.
Es wird auch eine Aufgabe
sein, die medizinische Versorgung zu gewährleisten. Ich denke
an die Ärzteversorgung. Da werden wir noch Probleme bekommen.
Auch unsere Landwirtschaft
wird Zukunft haben. Hier ist wohl nach langer Zeit der Tiefpunkt
erreicht und es geht künftig aufwärts.
Nachdem der
Landratsschoppen von Ihrem Vorgänger stammt, haben Sie die
Landratstour neu eingeführt. Was empfehlen Sie Ihrem
Nachfolger Thomas Schiebel?
Grein: Andere Landräte
haben immer große Neujahrsempfänge gegeben und dazu
ausgewählte Bürger eingeladen. Ich habe gesagt, davon
halte ich nichts und mir überlegt, wie ich effektiver die
Bürger zur Begegnung bewegen kann und bin so auf die
Landratstour gekommen. Ich würde es begrüßen, wenn
Herr Schiebel das weitermachen würde. Aber wenn er zusätzlich
eine Motorradtour einrichtet, ist das auch kein Schaden. Dass er
den Landratsschoppen beibehalten will, finde ich richtig, der ist
ja einmalig auf der Welt.
Hätte ein anderer
Beruf oder ein anderes Amt Sie mehr geschont in den vergangenen 24
Jahren?
Grein: Ich bin
ausgebildeter Lehrer, hatte an der Hauptschule die neunte Klasse
und kann mir vorstellen, dass mich dieser Beruf in den letzten
Jahren auch sehr gefordert hätte. Für mich war immer
wichtig, dass ich mir morgens nicht gesagt habe: Jetzt musst du
schon wieder nach Karlstadt und dort unangenehme oder schwierige
Entscheidungen treffen. Ich bin immer gerne an meinen Arbeitsplatz
gegangen und hatte nie das Gefühl, dass ich von meiner Arbeit
überfordert werde. Ich meinte immer: Das schaffst du, das
kriegst du hin, dafür kriegst du auch Mehrheiten. Deshalb bin
ich mit Freude an die Arbeit gegangen.
Gut, es waren auch Termine
dabei, bei denen ich sagte: Musst du das jetzt machen? Aber zu 95
Prozent bin ich gerne gegangen, weil ich etwas erfahren habe, das
für mich wichtig war, weil ich Menschen kennengelernt habe.
Das alles zusammen hat mir ein Gefühl der Zufriedenheit
gegeben. Ich war nur selten frustriert. Aber ich habe nie darüber
nachgedacht, ob es besser wäre, einen anderen Beruf zu haben.
Als Lehrer hätten
Sie zumindest die Abendtermine nicht gehabt.
Grein: Es ist schon ein
Problem, rund um die Uhr tätig zu sein. Wenn man da nicht
aufpasst, kann das auf die Gesundheit schlagen. Oft hat mein
Nachbar gesagt: Mensch, bleib doch mal daheim, leg dich hin oder
geh in den Garten.
Wie werden Sie den Tag
ab 1. Mai strukturieren?
Grein: Ich will nicht nur
mit dem Spazierstock durch die Gegend laufen. So bin ich noch der
Bundesvorsitzende der Freien Wähler. Das bedeutet, dass ich
sicher einmal im Monat in ein anderes Bundesland fahren und meine
politischen Weggefährten aufmuntern werde. Zweitens will ich
mich beim Bildungswerk für Kommunalpolitik einbringen, dort
Seminare und Vorträge halten. Dann bin ich noch Vorsitzender
der Lebenshilfe. Und dann habe ich drei Kinder und bis jetzt einen
Enkel, aber es haben sich schon weitere zwei angemeldet . . .
. . . im richtigen
Moment.
Grein: Ja, und so werde
ich meine Rolle als Großvater wahrnehmen. Die Familien
meiner Kinder sind über ganz Europa verstreut: in Zug
(Schweiz), bei Wilhelmshaven und in Amsterdam. Wenn ich im Jahr
zweimal meine Kinder besuche, sind das sechs Reisen. Diese Besuche
will ich pflegen. Denn meine Kinder hatten in ihrer Kindheit nicht
so viel von ihrem Vater, wie ihnen zugestanden hätte.
Vielleicht kann ich ja jetzt etwas aufholen.
Das Gespräch führte
Karlheinz Haase
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